Geweihte sind von Natur aus gewaltlos
Frage:
Wie kann ein Neuling über ahiṁsā denken, wenn er das Mahābhārata mit all der Grausamkeit und Gewalt liest, die darin vorkommen?
Antwort:
Nun, man könnte sagen, dass all diese Gewalt im Mahābhārata gerade zeigt, wie sinnlos solche Gewalt ist. Was geschah? Das Ergebnis war: Tausende, Hunderttausende von Menschen wurden getötet. In gewisser Weise könnte man sagen, dass genau das eintrat, was Arjuna vorausgesehen hatte, als er sagte: „Ich möchte nicht kämpfen.“ Er sieht voraus, dass die Gesellschaft degenerieren wird:
adharmābhibhavāt kṛṣṇa
praduṣyanti kula-striyaḥ
strīṣu duṣṭāsu vārṣṇeya
jāyate varṇa-saṅkaraḥ
(Bg. 1.40)
Er war besonders besorgt über varṇa-saṅkaraḥ, die Vermischung der Varṇas. Aber allgemein können wir sagen, dass das Mahābhārata ein Bild von der Sinnlosigkeit aller Gewalt zeichnet. Ein Gelehrter schrieb über das Mahābhārata: „Die Stimmung, die man im Mahābhārata wahrnimmt, ist, dass all diese Krieger sehr machohaft sind.“ Sie wollen ihre Männlichkeit zeigen.
Und es wird auch so verstanden, dass das gesamte Mahābhārata eine Kultur darstellt, die ihrem Ende entgegengeht – eine heroische Kultur. Zum Beispiel sagt Kṛṣṇa im zweiten Kapitel: „Das ist deine große Gelegenheit, Arjuna, Ruhm zu erlangen.“ Dies ist das Ende des Dvāpara-yuga, und dieses heroische Zeitalter zerfällt. Deshalb wurden in diesem Krieg auf beiden Seiten so viele Regeln der Kriegsführung gebrochen.
In gewisser Weise erzählt das Mahābhārata also die Geschichte vom Ende eines Zeitalters. Eigentlich ist es eine ziemlich traurige Geschichte. Das Rāmāyaṇa ist ebenfalls ziemlich traurig. Aber beide sind auch erhebend und erhellend.
Um auf die Frage von ahiṁsā zurückzukommen: Śrīla Prabhupāda sagt: „Ahiṁsā ist ein sekundäres Prinzip; es ist kein primäres Prinzip.“ Er sagt: „Geweihte sind von Natur aus gewaltlos.“ Arjuna ist ein reiner Geweihter, daher ist er von Natur aus gewaltlos. Deshalb wollte er nicht kämpfen.
—Aus dem Vortrag Ahimsa as the Essence of Dharma von S.H. Kṛṣṇa-kṣetra Swami, am 17. September 2025 in Prabhupadadesh, ISKCON-Tempel, Albettone, Italien. (Basierend auf dem Buch Yoga and Animal Ethics von Kenneth R. Valpey, veröffentlicht 2025 bei Palgrave Macmillan; legal frei zugänglich: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-93361-5.)
Über die Zeit
Frage:
Ich würde sagen, dass kāla, die Zeit, die Gottheit dieser Zeit auf dem Planeten Erde ist.
Antwort:
Nun, es ist eine Gottheit, ja.
Nachfrage:
In der Bhagavad-gītā sagt Kṛṣṇa: „Ich bin die Zeit.“
Antwort:
kālo ’smi loka-kṣaya-kṛt pravṛddho
lokān samāhartum iha pravṛttaḥ
ṛte ’pi tvāṁ na bhaviṣyanti sarve
ye ’vasthitāḥ praty-anīkeṣu yodhāḥ
(Bg. 11.32)
Kālo ’smi, „Ich bin die Zeit“, ja. Und wir sehen, wie die Menschen die Zeit verehren, denn wir alle haben Uhren. Ich habe einige Zeit in Hongkong verbracht, und dort gibt es viele Geschäfte, die Uhren verkaufen. Und einige dieser Uhrengeschäfte verkaufen extrem teure Uhren – Uhren für 100.000 Euro.
Es gibt eine Geweihte, eine Frau, die in einem solchen Uhrengeschäft arbeitet. Sie erzählte uns, dass das Geschäft sehr gut dasteht, wenn es drei Uhren im Monat verkauft. Die Menschen geben so viel Geld dafür aus. Denn: „kālo ’smi“ – sie haben das Gefühl, die Zeit unter Kontrolle zu haben.
—Aus dem Vortrag Ahimsa as the Essence of Dharma von S.H. Kṛṣṇa-kṣetra Swami, am 17. September 2025 in Prabhupadadesh, ISKCON-Tempel, Albettone, Italien. (Basierend auf dem Buch Yoga and Animal Ethics von Kenneth R. Valpey, veröffentlicht 2025 bei Palgrave Macmillan; legal frei zugänglich: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-93361-5.)